Die Angst vor dem Winter

3. Dezember 2019

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Hypobank Oberösterreich – Stichwort Bihac
Volkshilfe Flüchtlings- und MigrantInnenbetreuung

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Im illegalen Flüchtlingslager Vučjak auf einer ehemaligen Mülldeponie bei Bihać in Bosnien wächst die Angst vor dem nahenden Winter. Ohne Lösung werde man Leichensäcke brauchen, sagt Flüchtlingshelfer und Journalist Dirk Planert. Aus Österreich traf in den vergangenen Tagen Hilfsmaterial für die knapp 1.000 Bewohner des Lagers ein.

Es ist keine Lösung, die Brigitte Holzinger aus Oberösterreich und Petar Rosandić den knapp 1.000 Flüchtlingen in Vučjak anbieten können. Aber wenigstens Linderung.

Vor allem Brigitte hat an Hilfsmaterial zusammengetrommelt, was und wo sie nur konnte: „Ich habe über Facebook einen Spendenaufruf gemacht, um Medikamente, Verbandsmaterial, Decken, Schuhe und alles, was gebraucht wird, zu sammeln. Dank vieler Helfer konnten wir mit drei voll beladenen Autos nach Bosnien aufbrechen. Begleitet haben mich Pero, Viven Rose von Amnesty International und meine Freunde Heidi und Rudi“, schildert die erfahrene Flüchtlingshelferin.

In ihrer Heimat Oberösterreich wird sie für ihren Einsatz für Geflüchtete auch „Afghanenmama“ genannt. Auch wenn vielleicht nicht alle diesen Beinamen nett meinen – sie trägt ihn mit Stolz.

Auslöser waren für sie die Medienberichte über die Zustände im Lager. (Siehe auch die Berichte von Balkan Stories, die zu den ersten im deutschsprachigen Raum zählten.)

Im Sommer setzten die Stadtverwaltung und die Polizei von Bihać ohne erkennbare Rechtsgrundlage hunderte Flüchtlinge aus dem Stadtgebiet auf einer ehemaligen Mülldeponie aus. Die Versorgung und die hygienischen Zustände sind nach wie vor katastrophal.

Nach den Berichten gab es kein Zögern, sagt Brigitte. Sie setzte alles und alle in Bewegung, die sie erreichen konnte. Neben Amnesty International und Rotem Kreuz war das die Volkshilfe – und Petar Pero Rosandić, den Balkan Stories-Leser als Tschuschenrapper Kid Pex kennen.

Im Wahnsinn nicht selbst wahnsinnig werden

Pero, der sich nicht nur vergangene Woche ins Auto setzte sondern wenige Tage darauf ein Konzert gegen eine Neuauflage einer ÖVP-FPÖ-Koalition in Wien bestritt, ist etwas erschöpft von seinem Engagement.

Er zeigt sich wie Brigitte erschüttert über die Zustände im de facto illegalen Lager, in dem notdürftig, wenn auch engagiert, das bosnische Rote Kreuz versucht, zumindest ein Überlebensminimum für die Flüchtlinge sicherzustellen.

Die medizinische Versorgung erhält seit mehr als 100 Tagen der Dortmunder Journalist und Flüchtlingshelfer Dirk Planert aufrecht.

„Dirk ist der Mann, der sich im totalen Wahnsinn bemüht, nicht selber wahnsinning zu werden. Er erzählt uns davon, wem das Bein doch noch gerettet werden konnte, wie aus einem Zelt ein Krankenhaus wird und er scheut es ganz und gar nicht, seine Einschätzung für die nächsten Monate kund zu tun: „Wir werden hier noch Leichensäcke im Winter brauchen, wenn es bald keine politische Lösung gibt“.“, schreibt Pero in einer aufwühlenden Reportage für das Wiener Magazin KOSMO.

Und:

„Das „Krankenhaus von Vučjak“ ist auch gar kein richtiges Krankenhaus, sondern ein bescheidenes, unbeheiztes Zelt, in dem ehrenamtliche Helfer und Ärzte aus Deutschland, Slowenien, Ungarn und Österreich täglich das Unmögliche möglich machen. Ohne sie wäre Vučjak zweifellos bereits die totale Katastrophe. Denn dann hätten die Flüchtlinge gar keine medizinische Versorgung mehr, da sie ja vom Spital in Bihać nur mit Ausnahmegenehmigungen behandelt werden.“

Foto: Petar Rosandić, KOSMO

„Genau hier hat Europa und die EU gute Nacht gesagt“.

Auch Brigitte zeigt sich entsetzt.

Man habe nur wenig Erde auf den Müll der ehemaligen Deponie aufgeschüttet. Der Regen spüle das Erdreich mitunter weg, der Müll trete zutage.

„Darauf müssen diese Menschen in Zelten schlafen. Manche hatten Glück und einen Schlafsack ergattert. Viele von ihnen liegen auf dem Boden und versuchen sich in einer Decke warmzuhalten. Sofern sie eine haben.“

Vucjak-12

Foto: Petar Rosandić, KOSMO

Praktisch jeder Flüchtling, mit dem die beiden redeten, erzählte davon, dass er versucht habe, illegal über die nahegelegene Grenze nach Kroatien zu kommen.

Praktisch ausnahmslos wende die kroatische Polizei Gewalt an, wenn sie Flüchtlinge aufgreife. Auch schwere Verletzungen nach Polizeiübergriffen sind keine Seltenheit, wie auch Dirk berichtet. Er sieht darin ein gewolltes internationales Versagen:

„Genau hier hat Europa und die EU gute Nacht gesagt“.

Kroatische Polizisten sind nicht die einzigen, die den Einwohnern des Camps Schaden zufügen: „Schockierend waren für mich auch die Erzählungen einiger Menschen dort. Schlepper, welche die Flüchtlinge für viel Geld über Bosnien nach Kroatien bringen sollten, stellen an der Grenze zu Kroatien Schilder der EU und Kroatiens auf. Sie schmeißen die Flüchtlinge aus den Autos und sagen ihnen, ihr seid jetzt in Kroatien in der EU“, schildert Brigitte.

Ein wenig Hoffnung gibt es.

Menschlichkeit und Würde

Vielleicht nicht darauf, dass sich die Zustände bessern. Aber darauf, dass es so etwas wie Menschlichkeit und Würde noch gibt:

„Ich war darüber überrascht, dass keiner, der mir begegnete, verwahrlost war. Ich stieß auf freundliche Menschen, die trotz ihres Elends zuvorkommend, höflich und herzlich auf mich zukamen. Diese Menschen bieten sich gegenseitig ihre Fähigkeiten/Hilfe an. So sah ich einen Friseur, der mitten im Camp einen Stuhl aufstellte und den flüchtenden Menschen die Haare schnitt. Andere übernehmen das Kochen über einer offenen Feuerstelle. Für 20 Cent kann man eine Mahlzeit kaufen. Leider können sich das dort nur wenige leisten.“

Brigitte Holzinger

 „Für alle, die es wissen wollen: Ja, es ist die Hölle und ja, es ist eine humanitäre Katastrophe – und inmitten dieser von Krieg und Flucht hunderte traumatisierte junge Männer. Die, von denen viele einen trotz allem noch anlachen, freundlich die Hand schütteln und gar nicht die Perspektivlosigkeit zeigen, in der sie seit Monaten gefangen sind. Ja, dort, irgendwo zwischen dem Müll der Vergangenheit, dem Dreck der Gegenwart und dem letzten, noch immer erfolglosen Schrei nach einem Funken Menschlichkeit. Dort, nur 500 Kilometer von Wien entfernt.“